BERLIN/BRÜSSEL - Die Europäische Kommission hat ihre EU Livestock Strategy („Nutztierstrategie“) veröffentlicht, mit dem Ziel, die industrielle Tierhaltung krisenfester, weltweit wettbewerbsfähiger und nachhaltiger zu gestalten. Humane World for Animals (ehemals Humane Society International) begrüßt diese Strategie mit ihrer ausdrücklichen Zusage, den Schutz sogenannter Nutztiere voranzubringen, mit Vorsicht. Zugleich betont die Organisation, dass die industrielle Tierhaltung keinesfalls einfach weiter machen darf wie bisher. Statt bestehende Produktionsmodelle lediglich zu optimieren und fortzuführen, muss die Strategie einen echten Wandel hin zu einem mitfühlenderen und ökologisch nachhaltigeren Lebensmittelsystem unterstützen.
Dr. Joanna Swabe, Senior Director of Public Affairs bei Humane World for Animals Europe, sagt: „Taten, nicht Worte, werden letztlich darüber entscheiden, ob die Strategie der Kommission zu einer wirklich nachhaltigen und zukunftsfähigen industriellen Tierhaltung führt. Höhere Tierschutzstandards sind dafür eine Voraussetzung, insbesondere das Ende der Käfighaltung von sogenannten Nutztieren. Die Kommission und die Mitgliedstaaten müssen sicherstellen, dass Landwirt*innen sowohl finanzielle als auch praktische Unterstützung zur Verfügung steht, damit sie rasch und mit Zuversicht auf Haltungssysteme mit höheren Tierschutzstandards umstellen können, die sogenannten Nutztieren Tieren die Chance auf ein lebenswertes Leben geben.“
Auch in Deutschland ist die Erwartung an die Politik eindeutig. „Die Menschen wollen einen Wandel hin zu einer mitfühlenderen Landwirtschaft,“ sagt Sylvie Kremerskothen Gleason, Landesdirektorin von Humane World for Animals Deutschland. „Laut unserem ersten Humane World for Animals Tierschutz-Barometer 2026 sprechen sich 72,3 % der Menschen in Deutschland dafür aus, Eier aus Käfighaltung in verarbeiteten Produkten zu verbieten. 8 von 10 der Befragten (81,5 %) unterstützen außerdem eine verpflichtende Kennzeichnung der Haltungsform bei Eiern in verarbeiteten Lebensmitteln. Diese Zahlen zeigen: Verbraucher*innen wollen nicht nur bessere Standards, sondern auch mehr Transparenz.“
Gleichzeitig sind viele Menschen in Deutschland bereit, den Umbau aktiv mitzutragen: Mehr als zwei Drittel der Befragten (66,3 %) befürworten höhere Abgaben auf Fleisch aus Haltungsformen mit niedrigen Tierschutzstandards, wenn die Einnahmen in tierfreundlichere Systeme fließen.
Humane World for Animals begrüßt die Ankündigung der Kommission, bis Ende 2026 ihren lange erwarteten Vorschlag zur Aktualisierung der Tierschutzstandards für Hühner, die zur Eier- und Fleischproduktion genutzt werden, vorzulegen. Diese Überarbeitung der Rechtsvorschriften wird sich auf einen Ausstieg aus der Käfighaltung, ein Ende des systematischen Tötens männlicher Küken, die Einführung praktischer Tierschutzindikatoren auf Betriebsebene und Importanforderungen im Einklang mit den EU-Tierschutzstandards konzentrieren. Die EU wird außerdem 2027 einen Vorschlag zum Schutz von Schweinen vorlegen, der den Übergang von Kastenständen zu Haltungssystemen in Buchten umfassen wird.
Humane World for Animals weist darauf hin, dass die Gemeinsame Agrarpolitik und andere Finanzierungsinstrumente wirksamer genutzt werden müssen, um den schnellen Umbau landwirtschaftlicher Infrastruktur hin zu Systemen mit höheren Tierschutzstandards zu finanzieren und Anreize dafür zu schaffen. Die Tierschutzorganisation begrüßt, dass die Kommission die Möglichkeit prüft, ein eigenes Finanzierungsinstrument einzuführen, um die Finanzierungslücke für die Investitionen zu schließen, die für den Übergang zu nachhaltigeren Systemen mit höheren Tierschutzstandards erforderlich sind.
Zugleich ist es entscheidend, dass Landwirt*innen in der EU durch diesen notwendigen Übergang weg von industriellen Haltungssystemen mit starker Einschränkung der Tiere nicht benachteiligt werden. Innerhalb der Europäischen Union braucht es bereits gleiche Wettbewerbsbedingungen, insbesondere in der Eierproduktionsindustrie. Dafür sind gesetzgeberische Maßnahmen zum Verbot ausgestalteter Käfige nötig, da einige Mitgliedstaaten wie Deutschland bereits vollständig oder nahezu käfigfrei sind. Wie die Strategie jedoch anerkennt, werden auch gleichwertige Standards für tierische Produkte notwendig sein, die von außerhalb der EU importiert werden. So lässt sich verhindern, dass EU-Erzeuger*innen durch Importe mit niedrigeren Standards unterboten werden, und Verbraucher*innen erhalten die Sicherheit, dass alle tierischen Produkte auf dem EU-Markt denselben Tierschutzstandards entsprechen.
Schließlich hält Humane World for Animals daran fest, dass es für eine nachhaltigere industrielle Tierhaltung und eine geringere Umweltbelastung durch die Massentierhaltung entscheidend ist, nicht nur die Besatzdichten zu senken, sondern auch die Zahl der Tiere zu reduzieren, die für die Lebensmittelproduktion gehalten werden, und die Ernährung stärker hin zu mehr pflanzlichen Lebensmitteln auszurichten. Bemerkenswert ist, dass die Europäische Kommission auch ihren EU-Proteinplan veröffentlicht hat, der vor allem darauf abzielt, die chronische Abhängigkeit der EU von importierten pflanzlichen Proteinen, insbesondere für Tierfutter, anzugehen. Die Steigerung und Diversifizierung der Produktion pflanzlicher Proteine für den menschlichen Verzehr ist jedoch ebenfalls entscheidend, um den Übergang zu nachhaltigeren Ernährungsweisen zu fördern.
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