BRÜSSEL/BERLIN – Während die Europäische Kommission ihre endgültige Antwort auf die Europäische Bürgerinitiative „Fur Free Europe“ vorbereitet, hat The Lancet Regional Health – Europe einen Kommentar führender Expert*innen für Zoonosen und Wissenschaftler*innen veröffentlicht. Darin warnen sie, dass die Pelztierhaltung eine vermeidbare Bedrohung für die öffentliche Gesundheit darstellt. Die Autor*innen argumentieren, dass die Kommission, wenn sie den One-Health-Ansatz ernst nimmt – also das Prinzip, dass die Gesundheit von Menschen, Tieren und Umwelt untrennbar miteinander verbunden ist – ein Verbot der Pelztierhaltung statt neuer Tierschutzstandards vorschlagen muss.
Dr. Joanna Swabe, Senior Director of Public Affairs bei Humane World for Animals Europe und Hauptautorin des Beitrags, sagt: „Die Pelztierhaltung stellt eine unnötige und vermeidbare Gefahr für die öffentliche Gesundheit dar. Die EU kann nicht glaubhaft für den One-Health-Ansatz eintreten und gleichzeitig zulassen, dass eine schrumpfende Pelztierindustrie weiterhin anfällige Tierarten wie Nerze, Füchse und Marderhunde unter intensiven Haltungsbedingungen züchtet, in denen sich gefährliche Viren verbreiten, anpassen und potenziell auf Menschen überspringen können. Überwachungssysteme und fragwürdige Anpassungen der Tierschutzstandards werden dieses Risiko nicht beseitigen. Die Kommission muss entschlossen handeln und die Pelztierhaltung verbieten.“
Dr. Neil Vora, Direktor der Coalition Preventing Pandemics at the Source, ergänzt: „Wildlebende Tierarten wie Nerze in Käfigen zu halten, ist gefährlich für unsere Gesundheit. Unter diesen schrecklichen Bedingungen werden diese Tiere zu regelrechten Virenschwämmen: Sie können Atemwegsviren von Menschen aufnehmen, sie in sich tragen und anschließend in veränderter Form wieder auf Menschen übertragen. Es ergibt keinen Sinn, Wildtiere ihr gesamtes Leben lang in kleinen Käfigen einzusperren, nur um sie anschließend zu vergasen oder durch Stromschläge zu töten, damit ihr Fell für die Modeindustrie genutzt werden kann. Abgesehen von dem Tierleid ist das Risiko für unsere Gesundheit schlicht zu groß. Es ist längst an der Zeit, diese Industrie auslaufen zu lassen. Die EU sollte, wie von vielen ihrer Bürger*innen gefordert, die Pelztierhaltung verbieten und der Welt zeigen, wie echte Prävention aussieht.“
Die Europäische Kommission hätte ursprünglich bis Ende März 2026 auf die Europäische Bürgerinitiative „Fur Free Europe“ reagieren sollen. Die Entscheidung wurde jedoch offenbar aufgrund unterschiedlicher Auffassungen innerhalb des Kollegiums der Kommissionsmitglieder darüber verschoben, ob die Pelztierhaltung verboten oder stattdessen neue Tierhaltungsstandards eingeführt werden sollen. Ein im März an die Medien durchgesickertes Dokument deutete darauf hin, dass die Kommission eher zu Standards tendiert. Dies geschah trotz der eindeutigen Stellungnahme der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), wonach die schwerwiegendsten Tierschutzprobleme bei Nerzen, Füchsen, Marderhunden und Chinchillas in den für die Pelztierhaltung verwendeten Käfigsystemen weder verhindert noch wesentlich verringert werden können.
Der Beitrag in The Lancet argumentiert, dass das Bekenntnis der EU zum One-Health-Ansatz durch ihr Zögern, die Pelztierhaltung zu verbieten, untergraben wird, obwohl sowohl die Risiken zoonotischer Erkrankungen als auch die Unterstützung der Bevölkerung für entsprechende Maßnahmen klar belegt sind. Die Autor*innen zeigen auf, dass Pelztierfarmen ideale Bedingungen für die Verbreitung und Anpassung von Krankheitserregern wie SARS-CoV-2 und H5N1 schaffen und damit das Risiko eines Überspringens auf den Menschen erhöhen. Frühere Ausbrüche in den Niederlanden, Dänemark, Finnland und Spanien verdeutlichen diese Gefahr. Zudem weisen die Autor*innen darauf hin, dass sich die Pelzbranche in einem starken wirtschaftlichen Abschwung befindet, erhebliche Kosten für Umwelt und öffentliche Gesundheit verursacht und ihre grundlegenden Tierschutz- und Gesundheitsprobleme nicht durch Mindeststandards lösen kann. Sie kommen zu dem Schluss, dass ein EU-weites Verbot der Pelztierhaltung eine praktische und präventive One-Health-Maßnahme sowie ein klares Beispiel für wirksame Pandemieprävention wäre.
Hinweise an die Redaktion
- Der Lancet-Kommentar mit dem Titel „If the EU is serious about One Health, it must ban fur farming“ wurde gemeinsam verfasst von Dr. Joanna Swabe (Humane World for Animals), Prof. Dr. Chris Walzer (Veterinärmedizinische Universität Wien/WCS), Dr. Benjamin Roche (MIVEGEC, Université Montpellier/Universidad Nacional Autónoma de México), Prof. Dr. Arnaud Fontanet (Institut Pasteur, Université Paris-Cité), Prof. Dr. Thijs Kuiken (Erasmus University Medical Centre, Rotterdam), Dr. Manon Lounnas (MIVEGEC, Université Montpellier), Prof. Dr. Andrea S. Winkler (Technische Universität München/Universität Oslo), Prof. Dr. Sarah Cleaveland (Universität Glasgow), Prof. Dr. Dirk U. Pfeiffer (Royal Veterinary College London/City University of Hong Kong), Prof. Dr. Latiffah Hassan (University of Missouri), Prof. Dr. Raina K. Plowright (College of Veterinary Medicine, Cornell University) sowie Dr. Neil M. Vora (Preventing Pandemics at the Source Coalition).
- Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit veröffentlichte 2025 ihre wissenschaftliche Stellungnahme zum Wohl von Amerikanischen Nerzen, Rot- und Polarfüchsen, Marderhunden und Chinchillas, die für die Pelzproduktion gehalten werden.
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